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MÜLLHEIM (mfa). Beim Konzert des Müllheimer Kammerchores hat Albrecht Haaf wieder einmal die ausgetretenen Pfade der Chormusik verlassen und sich mit Larissa Ivanova eine Solistin eingeladen, die für den Konzertbesucher den Gang in die Martinskirche zu einer eindrücklichen Reise in die tiefe musikalische Tradition Russlands und zu einer spannenden Gegenüberstellung von deutschem Kunstlied und traditionellem Volkslied werden ließ.
Den Ausgangspunkt der Reise markierte dabei der Kammerchor mit fünf der elf "Zigeunerlieder Opus 103" von Johannes Brahms. Schwungvoll, fröhlich-bewegt und tänzerisch kommen die Lieder daher, von Liebe, Tanz und schönen Mädchen erzählend. Dem stimmlich mit höhentauglichen, frischen Sopranen, satten Altstimmen und wackeren Männerstimmen gut aufgestellten Kammerchor gelang es unter der erfahrenen Leitung von Albrecht Haaf mit präziser Artikulation und nuancierter Dynamik die Zigeunerlieder zu bunten, eindrucksvollen Klanggemälden auszumalen, die nur eines vermissen ließen: den Zigeuner.
Zwar finden sich Anklänge an die ungarische Volksmusik und die Klangfarben typischer Instrumente insbesondere in der von Martin Klingler kongenial intonierten Klavierbegleitung, vom Leben des fahrenden Volkes ist indes nicht die Rede. Kein Wunder, wurde doch der Begriff "Zigeunerlieder" im 19. Jahrhundert fälschlicherweise mit ungarischer Volksmusik gleichgesetzt. Umso mehr erzählt dafür Larissa Ivanova mit ihren russischen Zigeunerliedern von der Freiheit und dem Abenteuer des Zigeunerlebens.
Mit ihrer dunklen und warmen Stimme beschwört die russische Schauspielerin und Sängerin mal ein Lagerfeuer mit tanzenden und musizierenden Zigeunern, singt dann gefühlvoll, zart und mit innigem Ausdruck von der Erinnerung an eine vergangene Liebe, von Abschied und der Vergänglichkeit des Lebens und gibt mal schwermütig-melancholisch, mal mitreißend temperamentvoll tiefe Einblicke in die russische Seele. Dass sie dem ganz eigenen Zauber dieser Lieder ebenso verfallen sind, das bezeugen der Gitarrist Thomas Bergmann und Felix Borel an der Violine nicht nur durch ihre feinfühlige Begleitung, sondern auch in ihren furios dargebotenen Instrumentalstücken.
Auch Paul McCartney bediente sich bei alten Romanzen
Auch über die Pause hinweg wird der Spannungsbogen zwischen deutschem Kunstlied und traditionellem russischem Volkslied aufrechterhalten. Von Martin Klingler mit Robert Schumanns Kinderszene "Von fremden Ländern und Menschen" wieder in den Titel des Konzerts hineingeführt, setzte zunächst die Frauenstimmen der Kammerchors Jutta Haaf als "Tambourinmädchen" in der gleichnamigen Romanze von Robert Schumann und dann wiedervereinigt mit den Bässen und Tenören der Gesamtchor stimmgewaltig und klangvoll das Schumann-Lied "Zigeunerleben" in Szene. Dass sich der von den alten russischen Zigeunerliedern geschlagene Bogen nicht nur über das deutsche Kunstlied, sondern bis in die Popcharts des 20. Jahrhunderts spannt, wurde bei der alten Romanze "Der lange Weg" deutlich, den so mancher Konzertbesucher als von Paul McCartney produzierten Pop-Song "Those were the days, my friend" im Ohr hatte.
Bei Larissa Ivanovas authentischer und atmosphärisch dichter Interpretation dachte allerdings niemand an Schallplatten und Hitparaden. Da blitzten in Gedanken vielmehr die schwarzen Augen, loderte das Feuer und flogen die Röcke der tanzenden Zigeunerinnen zu klatschenden Händen, Tambourins, Fideln und Gitarren und wer aus dem Publikum hätte sich da nicht gerne angeschlossen. Man musste wahrlich nicht die hellseherischen Fähigkeiten einer alten Zigeunerin besitzen, um das aus dem begeisterten Applaus des Publikums herauszuhören.
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