Stadtpfeifers Traum, 10.+11. November 2018

Besonderes Konzert-Konzept begeistert das Publikum

"Stadtpfeifers Traum" unter der Leitung von Albrecht Haaf in der Müllheimer Martinskirche. (veröffentlich in der Badischen Zeitung von Bianca Flier am Mi, 14. November 2018)

 

Als Ober-Stadtpfeifer dirigierte Albrecht Haaf das Doppelkonzert „Stadtpfeifers Traum“ mit dem Kammerchor Müllheim nebst Kammerorchester und zahlreichen Solisten. Foto: Bianca Flier
Als Ober-Stadtpfeifer dirigierte Albrecht Haaf das Doppelkonzert „Stadtpfeifers Traum“ mit dem Kammerchor Müllheim nebst Kammerorchester und zahlreichen Solisten. Foto: Bianca Flier

MÜLLHEIM. Komplett ausverkauft waren beide Vorstellungen des Konzertes, das der Kammerchor Müllheim gemeinsam mit einem Ensemble renommierter Solisten und einem Kammerorchester am Wochenende in der Martinskirche unter dem Motto "Stadtpfeifers Traum" aufführte. Das Motiv folgte einer neuen Komposition von dem erst kürzlich als Leiter der Müllheimer Musikschule in den Ruhestand verabschiedeten Albrecht Haaf, in dessen Händen auch die Gesamtleitung der Veranstaltung ruhte. Mit dem außergewöhnlichen Konzept des Konzertes bewies Haaf, dass er sein Wirken als Musiker, Komponist und Chorleiter auch im Ruhestand engagiert weiterführt. Das Publikum war an beiden Abenden förmlich aus dem Häuschen vor Begeisterung.

Der Konzerttitel bezieht sich auf den Beruf des Stadtpfeifers – in vergangenen Jahrhunderten der offiziell Beauftragte in Sachen Musik für alle städtischen und oft auch kirchlichen Veranstaltungen, für Aufmärsche und militärischen Signale. Spielen musste der Stadtpfeifer nicht nur bei Hochzeiten, Taufen, Jahrmärkten und anderen frohen Festen, auch Hinrichtungen wurden musikalisch umrahmt. Daneben übte der Stadtpfeifer das Amt des Türmers aus, warnte vor Feuer und anderen Gefahren. Er musste viele Instrumente spielen können und eine harte Ausbildung durchlaufen, die oft von den Ohrfeigen des Lehrmeisters begleitet war. Im Gegensatz zu den Spielleuten, die zum fahrenden Volk zählten, genoss der Stadtpfeifer aber ein hohes Ansehen.
Das Programm umfasste Musik von der Romantik bis zur Moderne und bot jede Menge stilistischer Abwechslung. Ein großes Aufgebot an Solisten machte das möglich. Mike Schweizer (Saxophon), Jörgen Welander (Tuba und E-Bass), Frank Michael (Querflöte), Tilo Wachter (Percussion & Hang), Franco Coali (Akkordeon & Percussion) und Jutta Haaf (Klavier & Orgel) bereicherten das Programm instrumental. Diane Rübsamen sowie Annelie und Levin Rieber (Sologesang) setzten vokale Glanzlichter.
Mitreißend interpretiert wurde der erste Satz des "Piano-Quartetts" op. 81 von Dvorak mit einem Streichquartett und Albrecht Haaf am Flügel zum gelungenen Auftakt. Das von Haaf vertonte Rilke-Gedicht "Herbsttag" für Chor und Orchester verzauberte die Hörer mit den raffiniert intonierten Wind- und Sturmgeräuschen, den machtvoll ergreifenden Choralakkorden und den kühnen Saxophonkantilenen, die Mike Schweizer behutsam einfließen ließ. "Da unten im Tale" erklang zunächst in der anrührenden Version von Brahms, danach in einer modernen Paraphrase von Haaf, wobei Akkordeon und Tuba den treffsicheren Chorgesang mit feinen Instrumentaltönen bereicherten.

Ein aparter Dialog mit schräg gebrochenen und lyrischen Akzenten für Querflöte und Akkordeon wurde den Hörern in Frank Michaels Komposition "Mezzotinto" geboten, einer Hommage an den Schriftsteller Henry Miller. Frank Michael und Franco Coali entlockten ihren Instrumenten kühne Klangbilder.
Auch dem allgegenwärtigen Friedensthema wurde entsprochen, zuerst mit Mendelssohns Chorsatz "Verleih und Frieden", dann mit einer Text-Musik-Collage von Albrecht Haaf für Chor und Orchester mit dem Titel "Why". Zeitlose Thematik im musikalischen Kontrast.
Im Mittelpunkt des zweiten Programmteils stand Haafs Titelstück "Stadtpfeifers Traum". Angetan mit dem federbewehrten Stadtpfeiferhut, Trommel und Einhandflöte nahm der Dirigent als gestrenger Lehrer zunächst drei Stadtpfeiferlehrlingen die Prüfung ab. Nach dieser amüsanten Ouvertüre setzten Orchester und Chor mit einem facettenreichen, fröhlichen Klangspektakel ein, welches von bunter Jahrmarktsherrlichkeit bis zu choralartigen Sequenzen reichte. Ein Kabinettstückchen. Auch die komponierte Interpretation für Chor und Kammerorchester von "Ich hab die Nacht geträumet" stammt aus Haafs Feder und beeindruckte durch den magischen Zusammenklang von Orchester, Chor und Saxophon.
Die Vokalsolistin Diane Rübsamen schlug das Publikum mit ihren bewegenden Interpretationen des Sting-Hits "Field of Gold" und "Nature Boy" von Eden Ahbez in den Bann. Nicht weniger begeistert waren die Hörer von der Darbietung der Spirituals "Down by the River" und "Ev’ry Time I feel the Spirit", wobei der Kammerchor a cappella und mit rhythmischer Untermalung sein Können auch in dieser Stilrichtung bewies. Astor Piazzollas "Liber Tango", in einem Arrangement für Akkordeon und Percussion, mit Verve dargeboten von Franco Coali und Tilo Wachter, bot eine expressive Auslegung des bekannten Stückes.
Ein finaler Höhepunkt in diesem an Höhepunkten insgesamt reichen Programm war der Auftritt des Geschwisterpaares Annelie und Levin Rieber. Ihre Darbietung des "Sandmann" und des wunderschönen Engelsgebets "Abends wenn ich schlafen geh" aus Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" bewegte das Publikum. Annelie Riebers warmer und strahlender Sopran und das beseligende Duett mit ihrem Bruder Levin ließen alle Herzen aufgehen.
Die Aufführung fand ihren würdigen Abschluss mit dem von Haaf arrangierten Volkslied "Kein schöner Land". Chor, Solisten und Orchester entließen mit diesem anrührenden Abendlied ihr begeistertes Publikum in die Novembernacht.